Pierre Imhasly Selbstportrait

Was mich am stärksten geprägt hat, war mein Vater. Ein Lehrer, wie es sie nicht allzu oft mehr geben wird: einer aus Berufung. Mit Passion. Mit der gerechten Strenge. Und mit Güte. Er war einfach da, stand dahinter, hat mir auch Schreibsünden getilgt.

Das gibt Moral.

Mütter sind immer die besten.
Einen starken Vater braucht, wer sich auf das Abenteuer Poesie einlassen will. Ein grosser Mensch, mein Vater, voll Klarheit. Mit jener Demut, die sich nicht vergibt. Hundert Jahre Charakter (Pierres Vater wurde 101jährig). Eine figura.

Geprägt hat mich das humanistische Gymnasium. Es hiess Spiritus Sanctus, nicht umsonst. Nicht nur auf Leistung, wollte das auf Bildung hinaus. Bildung, heute etwas wie ein Schimpfwort – und das ist ein Drama! Wir hingegen hatten uns da eine Welt aufgetan, dass heisst zwei. Die erste, aristotelische, des Lehrplans – und jene andere: gegen diesen! Wild genug konnte die gar nicht sein. Also, in etwa: existentialistisch. Nietzsche hinaus, Sartre hinunter, alles, was verboten war. Bis uns die Professoren als Snobs abtaten. Oder als Hinterwäldler. Da kamen wir echt ins Studieren. Ich habe halbe Bibliotheken zerzupft, damals. Und den halben Sigmund Freud. Es war eine glückliche Zeit.

Das kann ich für mich von der Uni nicht sagen. Die war mir bald einmal verleidet. So schrieb ich mich durch ein paar Zeitschriften. Womit ich mich über Wasser hielt. Der Applaus bestätigte mir, dass ich irgendwie am Schreiben war. Während andere Journalismus studieren. Was damals kein echter Redakteur für die taugliche Methode befunden hätte.

In den Jahren, in denen man sich häutet, am liebsten wäre ich da etwas wie ein pazifistischer Anarchist geworden. Das ist einfach nicht haltbar! So wurde ich etwas wie ein sentimentaler Eklektiker. Der immer leichter werden will. Der nicht alles behält, was er geliebt hat. Der nicht sammelt. Der Bücher auch wegschmeisst. Zwei hausgötter habe ich seit je. Die hatten sich in Ideologien derart verrannt, dass sie schwer dafür bezahlten. Der eine in den Stalinismus, in den Antisemitismus der andere: Pablo Neruda und Ezra Pound. Erratische Brocken die zwei, von irgendwo kommen sie mir immer wieder einmal zurück. Doch wenn ich mich auf mich selber verlasse, meine ich: Das Thema, das aus sich heraus dem Autor ein Leben lang treu bleibt, auf diese oder jene Weise heisst es: Eros/Thanatos.

Erweckung oder Rettung durch Liebe?
Beides, claro!
Ich schob „Rhone Saga“ schon kistenweise den Fluss lang. Brouillons, Gezeichnetes, Zugearbeitetes, Rapportiertes, Recherchiertes. Klarer war mir noch immer nichts. ausser dass ich genau wusste, was ich nicht wollte: Reiseführer, Reportage, Chronik, Monographie, ein Buch über den Fluss, wie es Hunderte gibt.

Ich wollte das ganz andere Buch. Sonst kann ich das Zeug wegschmeissen! Ein paar mal hatte ich die 7 Pläne und den ganzen Rest schon umgedreht. Dann aber: Corridas schaut man sich nicht in Frankreich an, hatten mir die Toreros in Spanien geflüstert. Dann aber: Nîmes hat eine Plaza mit hohem Renommee. Klar auch, dass ich zum Ende da hingehen will. Dann aber: Wenn alles sich verdreht, versperrt, warum fängst du denn nicht zu unterst wieder an, an der Mündung, mit etwas, was dir entgegenkommt. Der Impresario der Arena, mit dem ich verabredet bin, hat, wie vermutet, gerade keine Zeit. Lulu, occupe-toi du Suisse! Zu den Corrales, zu den Stieren, mit der Frau; le coup de foudre! Es dauert nicht drei Wochen, sonder jetzt schon über fünfundzwanzig Jahre. Bodrerito Sûtra, es kam der Gesang und hat alles gewendet. So adressiert, bekam von hier nach Nîmes auch das Epische, das Erzählte seine innere Logik.

Der Fluss, der Strom würde nur noch einen leisen Vorwand abgeben. Das Leben selbst hatte diese offene Form erfunden. Grenzen-los, hielt das Ganze so zusammen.

Maurice Chappaz
Seine Prosa habe ich ins Deutsche gebracht. Wobei: Prosa ist hier wohl ein euphemistischer Begriff. Aufpassen! Ich durfte aus einem Chappaz keinen Imhasly machen, sondern musste mit allen einem Schriftsteller zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, ein Äquivalent zu geben, im besten Fall: wie Chappaz schriebe, schriebe er deutsch. So etwa. das hiess jedesmal, sich völlig unterordnen einem Autor und einem Werk. Ich habe das gern getan. Mit íœberzeugung. Wir hatten viel gute Zeit zusammen, im Schnee und am Stubenofen. Von Maurice Chappaz habe ich mitbekommen, dass man die Einsamkeit des Schreibens ertragen kann/muss.

Italien
Eine Fügung machte, dass ich Italien nicht nur bereiste, sondern mir in langen Jahren einen romanischen Bauch aneignen konnte. Wenn Bauch nicht genügt, der sage Kopf dazu. Mehr als eine papierene Sehnsucht verbindet mich also mit diesem Land. Jenem der grossen Kunst, und der kleinen, totalen, der Lebenskunst, auf der Strasse, in der Küche, allüberall. Hier müsste man leben, liesse sich das so hurtig richten. Im Winter in Siena, in Siracusa im Sommer. Von mir aus auch umgekehrt. Zum Essen aber Modena, Reggio, Bologne.

Spanien
Balcón de Eiropa! Ganz zu unterst in Andalusien aber, nachts sieht man die Lichter von Tangermündes, in der Nähe von Tarifs lebte ich ein paar Monate ziemlich verwaist in einer kleinen Arena de tienta. In diesem Nada (Nichts), zwischen tausend Stieren und Tanger, bekam ich einen tieferen Sinn für die Einsamkeit des Flamenco, des echten, des Grossen, des Tiefinneren Sanges, des Canto jondo. Und ich habe sie noch gehört, habe sie erlebt, die Letzten, die Diego Clavel, Chocolate, Fosforito, die Terremoto de Jerez, die Camarón de la Isla. Ist nun alles tot und vorbei. Ich bin fast froh. Kann es doch nicht mehr zerstört werden. Von unserer Frivolität.

Schreiben
Wenn es mir läuft, schreibe ich ab frühem Morgen. Früher Maschine. Der Betrieb will das so, jetzt also Computer. Der kostet mich, entgegen wohlmeinenden Beteuerungen, einen Haufen närrische Zeit. Er wird mich nie korrumpieren. Ich schreibe reaktiv zügig. Bis alles schwierig wird. Was oft der Fall ist…Ich korrigiere masslos, sagt man. Ich schreibe um und um. das Wichtigste sind mir der Rhythmus, ein Duktus, der drive, ein sound. Das muss aus dem Text kommen, also aus mir selbst. Ich habe eine ungeheure Panik vor der weissen Seite. Und arbeite mir auf jedes Buch zehn mal mehr zu, als es braucht. Wenn es noch unberührt fährt, in alle Richtungen, und immer reicher wird, ist es am schönsten, das Buch im Kopf, das prospektive Buch! Der Eingangssatz bestimmt Temperatur und Temperament eines Textes, meine nicht nur ich. Wenn der erste Satz steht, erlöst das ein wenig. Doch kann man nie wissen! Denn jetzt wird alles ganz anders. Völlig frei! Beim Heiligen John Coltrane! die ökonomische Art des Schreibens ist die meine wohl nicht. Doch habe ich gelernt, dass es, für mich, so sein muss.
Ich kann nicht anders.